HomeAktuelles: Führung mit Weitblick

"Fair dienen" lautet das Credo unseres gleichnamigen Unternehmernetzwerkes: https://www.fair-dienen.net
Aber was bedeutet Dienen als Unternehmer mit Personalverantwortung? Wie geht das zusammen, Führen und Dienen? Ist es nicht eher umgekehrt? Müssen mir nicht meine Mitarbeiter dienen, damit ich führen kann? Oder zumindest auf meiner Linie sein und die Dinge so tun, wie ich es gerne hätte?
Ich erinnere mich an eine Situation in Indien, als ich neu an die Universität kam, um dort zu unterrichten: Ein Student, der bei mir seine Masterarbeit schrieb, kam in meine Sprechstunde und sagte: „Ma‘am, Sie müssen sehr streng mit mir sein und mir klar definierte Aufgaben geben und mich bestrafen, wenn ich nicht rechtzeitig fertig werde.“ Ich sagte: „Tut mir leid, das tue ich nicht. Ich berate Sie gerne, wenn Sie Fragen haben. Aber Ihre Arbeit müssen Sie eigenständig entwickeln und lernen, sich Ihre Zeit richtig einzuteilen.“ Er ging etwas geknickt davon.
Warum habe ich so reagiert und bin nicht auf seine Bitte eingegangen? Weil ich dachte, dass sich ein autoritärer Führungsstil nicht mit meinem Selbstbild verbinden lässt. Ich bin nicht autoritär und möchte es auch nicht sein. Dem jungen Mann aber habe ich damit nicht geholfen, denn er kam aus einem Kontext, in dem die Vorstellung vorherrscht: Nur unter Druck setzt sich jemand in Bewegung und beginnt zu arbeiten. Dies spiegelt der dort vorherrschende Führungsstil wider. Wie sollte dieser Mensch plötzlich ganz anders arbeiten können?
Wir wissen, dass uns vor allem die Dinge ansprechen, die uns zum Teil vertraut und zum Teil neu und interessant erscheinen. Wenn jemand völlig andere Erwartungen an mich hat, als ich es gewohnt bin, so bin ich überfordert. Etwas von seinen Forderungen muss mir zumindest vertraut sein.
So habe ich gelernt, diesen Studenten langsam, Schritt für Schritt, zu begleiten: zunächst mit klaren Arbeitsaufgaben, Kontrolle, wöchentlichem Feedback bis er in der Lage war, selbständig und eigenverantwortlich seine Arbeit fertig zu stellen. Das war ein längerer Weg, den ich mit vielen indischen Studierenden gegangen bin. Und sie mit mir!
Führung hat nichts mit meinem Ego zu tun. Führung meint, genau hinzuschauen, was mein Student oder mein Mitarbeiter benötigt. Braucht er klare Anweisungen? Oder Ermutigung? Oder eine Erklärung, weil er gewohnt ist, aus eigener Überzeugung zu handeln? Oder mein Vertrauen, dass er es allein hinkriegt?
Meine Mitarbeiter in ihrer Situation wahrnehmen und erkennen, was sie von mir brauchen – das bedeutet Dienen. Dienen heißt also nicht nur: Ich spiele den Knecht und arbeite in untergeordneter Stellung gegen Lohn. Dienen heißt auch: jemandem oder einer Sache von Nutzen, hilfreich und förderlich sein.
„Wer unter euch groß sein will, soll euer Diener sein,“ heißt es in der Bibel, das sagt Jesus seinen Jüngern, als sie um den besten Platz an der Tafel streiten. (Markus 10, 43)
Interessanterweise sagen moderne Managementtheorien ähnliches: Führungskräfte sollen den Mitarbeitern dienen. Und zwar in dem Sinne, dass sie alle notwendige Unterstützung geben, so dass Mitarbeiter ihre Aufgaben bestmöglich ausführen kann.
Was denke bzw. weiß ich in Bezug auf die Ziele, Fähigkeiten, Einstellungen, Motive meiner Mitarbeitenden? Was brauchen sie, damit sie sich bei mir sicher, wertgeschätzt und positiv herausgefordert fühlen und gerne ihren vollen Einsatz zur Verfügung stellen?
Situativ angemessenes Führungsstilverhalten ist erlernbar.
Dies veranschaulicht das Reifegradmodell von Hersey and Blanchard (https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Theorie_des_Situativen_Fuehrens_nach_Hersey_und_Blanchard.png).
Es ist einfach anwendbar, differenziert verschiedene Führungsstile und verdeutlicht die Relevanz des eigenen Verhaltens in Bezug auf den Unternehmenserfolg. Nach diesem Modell entspricht mein Führungsverhalten idealerweise dem „Reifegrad“ des geführten Mitarbeiters in Bezug auf die gestellte Aufgabe. Die einen sind eher aufgabenorientiert, die anderen eher beziehungsorientiert. Manche übernehmen sofort Verantwortung und entwickeln ihre Fachexpertise selbständig weiter, andere brauchen mehr Ermutigung oder Kontrolle. Jeder Mensch weist in Bezug auf verschiedene Aufgaben unterschiedliche Reifegrade auf.
Mitarbeiter, die weder relevante Fähigkeiten noch Bereitschaft zur Bewältigung der gestellten Aufgabe zeigen, sollten durch detaillierte Anweisungen "dirigiert" werden. Das bedeutet für die Führungskraft: „Gib genaue Anweisungen und kontrolliere das Ergebnis!“
Mitarbeiter, die keine relevanten Fähigkeiten besitzen, aber motiviert sind, sollten "angeleitet" werden. Das heißt: „Erkläre Entscheidungen und gib Gelegenheit für Klärungsfragen!“
Mitarbeiter mit hohen Fähigkeiten aber geringer Bereitschaft, die Aufgabe durchzuführen, können durch "Partizipation" geführt werden. Daraus folgt: „Teile Ideen mit und ermutige, Entscheidungen zu treffen!“
An Mitarbeitende mit relevanten Fähigkeiten und hoher Motivation kann die Aufgabe vollständig „delegiert“ werden. Für den Unternehmer bedeutet das: „Übergib die Verantwortung zur Entscheidungsfindung und Durchführung!“
Führung ist dann erfolgreich, wenn der gewählte Führungsstil zur Bewältigung der Aufgabe führt. Daher sollte der Vorgesetzte alle Führungsstile beherrschen und einschätzen, welcher Stil zu wem, in welcher Phase passt. Indem er für Zufriedenheit, persönliche Entwicklung und den Aufbau von Kompetenzen am Arbeitsplatz sorgt, kann er Aufgaben delegieren, sich selbst entlasten und anderen Leitungsaufgaben widmen.
Dienen bedeutet, den Blick auf das Ganze zu richten, auf die Menschen, für die ich Verantwortung trage. Damit verbunden ist eine weitere Dimension.
Der Satz aus der Bibel, „Wer unter euch groß sein will, soll euer Diener sein“, lässt sich auch umkehren:
Wer anderen dient – das heißt wer andere fördert, anleitet, begleitet, Vertrauen schenkt und zur richtigen Zeit Verantwortung übergibt – bewirkt Großes: für sein Unternehmen und unter den Menschen, die sich ihm anvertrauen.
All
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Prof. Dr. Carmen Ulrich
Luisenstraße 86
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